Wenn der Samstag misslingt, wird der Sonntag etwas besser. Und wenn der Sonntag misslingt, war vielleicht wenigstens der Samstag so mittel.

Im Strandhotel bleibst du samstags lange in der Küche und kochst, wenn Oma nicht mag, weil sie lieber strickend oder lesend oder rauchend auf ihrer Terrasse sitzt. Du machst Gulasch oder eine Bolognesesauce oder ein vegetarisches Curry für abends. Ich backe Brot mit der Nana. Ich backe Kuchen mit den Kindern.


Ich schlage die Sahne.


Wir fragen uns beim Abendessen nicht, für wen überhaupt und wer wollte wirklich? Wir fragen nicht,

wie machen wir es morgen?
Wie die nächste Woche?
Wo dürfen wir hin und mit wem?

Zu Hause sehnen wir uns nach einem anderen Ort.

Wir sehnen uns danach auf Reisen zu gehen, wir möchten unsere Freunde sehen, wir wünschten, wir könnten die Uhr morgen weit zurück oder mehr als nur eine Stunde nach vorne drehen.

In Ediths Strandhotel sind wir viele. Und wir wollen genau da sein, wo wir sind.

Die Lage von Ediths Hotel könnte besser nicht sein. Wir sagen uns, dass es einfach auf einem Felsen am Meer steht. Ein kleiner Strand gehört dazu. Eine alte Bootsgarage.

In geringer Entfernung, so dass wir zu Fuß gut hinlaufen können, gibt es einen Ort, vielleicht mit Hafen. Etwas weiter weg eine kleinere, dann eine größere Stadt, aber wo genau sich das so befindet, da legen wir uns nicht fest.

Überhaupt sind wir im Strandhotel sehr international. Unsere Gäste kommen von überall her. Wir sprechen verschiedene Sprachen oder schweigen verschiedene Sprachen.


Amen.

Im Strandhotel schauen wir morgens aufs Meer.

Zu Hause haben wir neue Gewohnheiten, die wir nicht mögen. Wir überbieten uns gegenseitig mit schlechten Nachrichten aus aller Welt. Der Himmel draußen passt nicht zum Drinnen und wir haben jetzt schon vergessen, wie die Haare von Freunden riechen.

Im Strandhotel schauen wir mittags aufs Meer. Wir schauen abends aufs Meer!

Du machst Milchkaffee für mich und den Pulverkaffee für Oma und Opa, Tee für Opa R. und Kakao für die Kinder. Die Nana hat sich ihren kohlrabenschwarzen Kaffee längst selbst zubereitet, denn die Nana steht als erste auf. Auch an den Wochenenden.

Die Kinder rennen unermüdlich hin und her, bringen hier noch einen Löffel und da noch eine Serviette, einen Zuckerspender, einen frisch ausgepressten Orangensaft. Mit oder ohne Eis.

Immer wieder haut Edith mit der flachen Hand auf die Küchenbimmel, damit Joseph weiß: er darf tragen helfen.

So lange geht das, bis alle genau das haben, womit sie ihren Tag am liebsten beginnen.

Als es angefangen hat, gab es im Strandhotel jeden Morgen Toast mit Marmelade.
Inzwischen servieren wir auch Croissants oder die kleinen Brötchen mit Butter oder geröstetes Brot mit Wurst und natürlich Müsli mit Obst.
Von allen Gästen, die da sind, lernt Edith dazu. Sie macht Rührei. Sie versucht Spiegelei.
Sie lernt Bratei. Sie schreibt die Frühstückskarte mit Füller in ihrer schönsten Schrift und Joseph fragt:

Pfannkuchen? Vulleicht?

Im Strandhotel können die Kinder allein mit dem alten Aufzug fahren. Der Aufzug geht hart am Felsen entlang direkt hinunter zum Strand, wo sie nach dem Frühstück im Sand buddeln oder Muscheln suchen, schöne Steine, oder andere kleine Sachen oder gar nichts, bis du mit ihnen schwimmen gehst. Oder die Oma. Oder der Opa R., wenn er nicht Schach spielt.

Opa R. ist nicht unser richtiger Opa, aber er ist fast immer dabei, wenn wir ihm einen Vorschlag machen. Das kann er besser als andere, der Opa R., einfach mitmachen, falls jemand einen guten Vorschlag hat. Er kommt sogar mit ins Gekko-Kino, wenn Joseph nach dem Abendessen plötzlich aufspringt, ruft und zeigt:

Gekko!


Im Strandhotel können Kinder Kinder und Erwachsene können erwachsen sein. Die Großeltern, also Oma, Opa, die Nana und Opa R, können sie selbst sein, genau so wie die Tanten und Onkel und Cousinen und Cousins und Freundinnen und Freunde und Kolleginnen und Kollegen und entfernte Verwandte und Bekannte und Nachbarn und völlig unbekannte Leute. Und einfach alle.

Im Strandhotel kann wirklich jeder machen, was er will, und jeder wird gebraucht, so wie er ist.

Die Terrassen sind rötlich gefliesst unter dem blauen Himmel. Edith läuft barfuss so viel sie kann, sie singt und springt Seil oder schreibt stolz die Frühstücksbestellungen auf einen Zettel.

Opa muss sich noch ausruhen. Joseph hat keinen Husten mehr und kein Nasenbluten in der Nacht. Er flitzt überall herum, er klettert, er plappert, er lacht mit allen Zähnen, die er schon hat, oder sitzt auf einem der Korbstühle auf meinem oder deinem Schoß und nuckelt am Daumen.

Im Strandhotel ist das Aufräumen eine Leidenschaft ohne Meckern. Es macht viel Spaß, am späten Vormittag die Zimmer in Ordnung zu bringen, die dreckige Wäsche einzusammeln und das schmutzige Geschirr. Die Küche zu putzen, die Bäder zu schrubben, und es gibt so viele Zimmer, dass einige davon nach dem Aufräumen eine gute Weile aufgeräumt bleiben. Die Zimmer sind außerdem so eingerichtet, dass sie auch unaufgeräumt aufgeräumt aussehen. Weil da so viele Fächer in Schrank und Kommode sind, dass sich alles verstauen lässt und gerade so viel Platz auf dem Nacht- und Schreibtisch, dass Bücher, Notizen und Spielzeug liegen bleiben können.

Ich beziehe die Betten hier viel lieber als zu Hause, die gewaschenen Laken sind innerhalb weniger Stunden trocken, und riechen nach Sonne und Meer. Sie riechen so gut, die Laken im Strandhotel bei Edith.

Es gibt Musik im Strandhotel, wann immer sich jemand von uns an den alten schwarzen Flügel setzt.
Da ist die Viola von Edith, deine Gitarre, Josephs Trommel und alle anderen Instrumente, wenn jemand sie spielen will.


Was es nicht gibt in Ediths Strandhotel, das sind Scharlach und Krupphusten und Angst vor dem Virus.
Es gibt keine Hausaufgaben, keine Trennungsgespräche mit Vorgesetzten und überhaupt keine Umzüge. Es gibt keine Hornhautentzündung mit Sehminderung, keine multiple Sklerose, keinen Streit wegen Kleinigkeiten wie Zähne putzen, oder Sich-nicht-ausreden-lassen, kein Türen knallen und keinen unangenehmen heißen Wind. Keine Quallen am nächsten Tag. Und erst recht keine Plastiktüten im Wasser.